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Samstag, 26. September 2026

Selten so gelacht - Warum ich mich unter Rockfans einfach wohler fühle...

Bevor sich jetzt der ein oder andere fragt, warum zur Hölle ich – Fan von Feuerschwanz, Metallica & Co. – freiwillig auf ein Matthias Reim Konzert gehe und dafür auch noch 3 Stunden auf der Autobahn verbringe…
Ja, auch das bin ich.

Matthias Reim und ich – das ist sozusagen eine besondere Beziehung, die inzwischen fast 40 Jahre alt ist. Als 1990 sein erstes Album rauskam, war ich noch nicht ganz 14 Jahre alt und hatte gerade erst begonnen, zu verstehen, von was der Typ da überhaupt singt. Anfangs für mich nicht mehr als moderner Schlager, sind seine Songtexte mittlerweile weitaus mehr für mich. Ich glaube, wir wären vermutlich sogar ein ziemlich gutes Team. Er schreibt die Songs und ich die Geschichten dazu.

Von daher war dann natürlich klar, dass ich auf jeden Fall ins Sauerland fahren würde, um ihn – vermutlich zum letzten Mal – live auf der Bühne zu sehen. Stellte sich nur noch die Frage: Fahre ich allein oder kann ich irgendjemanden davon überzeugen, mitzukommen? Dass mich ausgerechnet mein Mann – der mit Schlager ungefähr so viel anfangen kann wie ich mit Stricken – begleiten würde, hätte ich dann auch nicht gedacht.

Freitagnachmittag, kurz vor 15 Uhr: Abfahrt im Lipperland.
Knapp 3 Stunden und eine unfreiwillige Rundfahrt durch Meschede (weil wir uns natürlich mal wieder verfahren hatten) später, tauchte dann auch endlich das Gelände der Karl-May-Festspiele Elspe vor uns auf.

Obwohl wir uns unterwegs natürlich bereits musikalisch auf Matze eingestimmt hatten – bzw. ich hatte das, mein Mann musste mein schiefes Gesinge notgedrungen aushalten, sonst hätte ich vermutlich die Hälfte der Strecke laufen dürfen – kam unsere Ankunft auf dem Parkplatz dann doch einem Kulturschock gleich. Da stimmten sich Leute bereits auf das Konzert ein – nicht nur alkoholisch, sondern auch musikalisch. Und das in einer Lautstärke, die mich darüber nachdenken ließ, ob wir den alten Mann auf der Bühne überhaupt laut genug hören würden.

Auf dem Gelände herrschte ein Gedränge und eine Lautstärke wie auf einem Volksfest. Dafür, dass wir noch etwa eine halbe Stunde hatten, bis die Vorband – die sich als Nachfolger von Luxuslärm entpuppte – die Show eröffnen sollte – waren die Besucher noch überraschend entspannt. Am Getränkestand stapelten sich die Konzertbesucher in etwa genauso wie am Imbiss. Da wurde noch in aller Seelenruhe Bratwurst gegessen, Sekt und Bier in Massen bestellt, geraucht.

Und dann ging’s endlich vorwärts. Rein in die gute Stube, möglichst einen Durchgang erwischen, der uns zentral vor die Bühne bringt. Wenn schon nicht „in Front of Stage“ oder mittendrin, dann doch bitte schön so, dass ich Klein-Matze nicht nur auf der Leinwand bewundern kann.

So weit, so gut. Eigentlich standen wir auch echt gut. Eigentlich! Den Durchgang direkt im Rücken, notfalls hätte man sich sogar auf einen der Sitzplätze zurückziehen können, denn wirklich sitzen schien auch kaum einer zu wollen. Zur Sicherheit 2 Sicherheitskräfte in unmittelbarer Nähe – hätte schlimmer kommen können.

Vor mir zwei Frauen, zwischen deren Köpfen ich locker hindurchgucken konnte. Beste Sicht nach vorne also. Für Göttergatte mit seiner knapp 2 Meter Figur ohnehin kein Problem.

Während wir also auf die Bühne starrten und der Vorband eine Chance gaben, flüstert mir mein Mann plötzlich zu: „Die Frau neben mir fängt an zu kuscheln.“
„Hä?!“
„Die rückt mir hier immer mehr auf die Pelle…“
Ich guck die Frau an. Die Frau guckt unfreundlich zurück.
„Die hat doch da Platz für drei… Versteh‘ ich nicht. Lass uns mal tauschen, dann stell‘ ich mich einfach davor.“
„Wir waren zuerst hier“, keift die Kuschel-Tante mich an. Aha, hat sie mich also doch verstanden. Und nein, ich habe kein Megafon verwendet und die Band machte auf der Bühne auch bereits Lärm. Scheint ja ein gutes Gehör zu haben, denke ich noch.
„Was hat das mit zuerst hier zu tun?“, frage ich. „Deswegen müssen sie doch meinem Mann nicht so auf die Pelle rücken.“
„Ich will aber was sehen.“
„Hä?! Tun sie doch. Nach vorne sind 2 Meter Platz.“ Verständnislos schüttele ich mit dem Kopf und grinse. Selten so gelacht.

Die beiden Frauen vor mir drehen sich zu uns um und lachen. Eine tippt sich an die Stirn. Sehr sympathisch, die beiden. Wir kommen ins Gespräch.
Kurz darauf taucht rechts neben mir ein Typ auf.
„Die ist aber auf Kuschelkurs“, sagt er und deutet auf die Frau neben meinem Mann. Ich werfe ihm einen Blick zu und nicke grinsend. Du gehst wohl auch eher auf Rockkonzerte, denke ich.

Als die Vorband die Bühne für Matze frei macht, setzt die Völkerwanderung ein. Natürlich von ganz vorne nach ganz hinten, von ganz links in die Mitte – egal, woher sie kamen, offenbar hatte ungefähr die Hälfte der Besucher eine Konfirmandenblase oder Angst, bis zum Ende des Konzerts verdurstet zu sein.
Ich hab‘ irgendwann aufgehört zu zählen, wie viele sich wie oft wahlweise mit voller Blase oder vollen Getränkebechern zwischen uns durchquetschten.

Jetzt könnte man ja denken, die Völkerwanderung endete mit dem Auftauchen des Hauptkünstlers. Wer das glaubt, war vermutlich auch noch nie auf einem Schlager-Event. Ich frage mich ja immer noch, wie man in nicht mal 2 Stunden so viel pinkeln und saufen kann?! Selten so gelacht und gleichzeitig so genervt gewesen. Und das ging nicht nur mir so, das könnt ihr mir glauben.

Spaß hatten wir aber trotzdem – nicht zuletzt wegen der beiden Frauen vor und dem Bären neben uns. Und irgendwann verschwand dann auch die Kuschel-Uschi, nachdem mein Mann wie ein Bollwerk neben ihr stehenblieb und sich nicht verdrängen ließ. Ich glaube ja immer noch, dass sie ihn eigentlich anbaggern wollte.

Es gäbe noch weitaus mehr zu erzählen, aber dann würde dieser Beitrag vermutlich ein Konzertbesuch in 10 Akten werden.
Zwischen alten und neuen Songs, einem äußerst bemerkenswerten Texthänger des Künstlers, der mich zu der Aussage „Lass mich singen, ich kann die Texte alle“ hinreißen ließ, verschwand der alte Mann dann nach knapp 1 Stunde mit der Aussage „Ich brauch‘ erstmal ein Bier“ von der Bühne und tauchte schließlich 20 Minuten später wieder auf. Selten so gelacht.

Fazit des Abends:
Ohne Verfahren geht es bei uns offenbar nicht.
Ich bin auch mit 50 noch erschreckend textsicher, wenngleich meine Stimme sich heute dafür anhört, als hätte ich mit Matze gestern eine ganze Flasche Whiskey geleert.
Und der Moment, als er einem 7-jährigen Mädchen in der ersten Reihe zum Geburtstag gratulierte reichte, um mich daran zu erinnern, warum ich diesen Mann noch einmal live sehen wollte.

Aber das wichtigste Fazit dieses Konzertbesuches: In Zukunft gehe ich lieber wieder auf Rockfestivals. Da gibt’s nicht nur wesentlich weniger schwache Blasen, übermäßigen Durst, sondern auch keine Platzhirsche, die den Eindruck machen, als hätten sie mit ihrem Ticket 2 qm Stehfläche vor der Bühne käuflich erworben.

In diesem Sinne… Wir lesen uns im November, wenn ich aus Oberhausen zurück bin. Ich wage zu prognostizieren, dass es in der Turbinenhalle bei D’Artagnan wesentlich friedlicher zugehen wird.