Eigentlich wollten wir uns gestern Abend nur den neuen
„Spiderman“ im Kino ansehen.
Mit Cola, Nachos mit Käsesauce – und natürlich in 3D.
Wie gesagt: Eigentlich…
Es war vielleicht keine so besonders schlaue Idee, zwei Tage nach der deutschen Premiere an einem Samstagabend ins Kino zu gehen. Zumindest dann nicht, wenn man einfach nur wegen des Films hingeht. Für die Zukunft sollte ich mir vielleicht überlegen, ob ich nicht öfter aus Recherchegründen ins Kino gehe. Aber darum soll’s hier gerade gar nicht gehen.
Die Schlange an der Ticketkasse des Kinos hat gefühlt in etwa die Ausmaße eines Güterzuges, als Göttergatte, Teenager-Tochter und ich eine gute halbe Stunde vor Filmbeginn das Hamelner Kino betreten. Wohl dem, der die Tickets in weiser Voraussicht bereits online gekauft hatte und sich deshalb direkt an der – übrigens nicht viel kürzeren – Schlange an der Snackkasse anstellen konnte.
Erst stehen wir also für die obligatorische Snack-Box an, dann in der Schlange, die sich in bester Stop-and-Go Manier in den Kinosaal bewegt. Kaum zu glauben, dass wir unsere Plätze in der vorletzten Reihe trotzdem noch so rechtzeitig erreichen, dass sogar die Leinwand noch tot ist.
Zwei Minuten später erwacht die Leinwand zum Leben, das
Licht wird etwas gedimmt, die übliche Vorschau gezeigt. So weit, so gut.
Eigentlich alles wie immer.
Während Göttergatte und Teenager neben mir sich über den letzten Kinofilm unterhalten,
den sie ohne mich gesehen hatten, höre ich das Pärchen rechts neben mir so laut
reden und lachen, als sprächen sie durch ein Megafon. (Spoiler: Taten sie aber
nicht).
Ein Mann hinter uns diskutiert mit seiner Frau darüber, ob Nachos vielleicht
doch besser als Popcorn gewesen wären.
Drei Reihen vor uns schüttet sich eine Frau ein Pöttchen Käsesauce über ihre
schicke Hose und irgendwo schräg hinter mir raschelt eine Chipstüte in einer
Lautstärke, als hätte gerade ein Kieslaster seine Ladung verloren.
Ein normaler Kinobesucher mag all diese Eindrücke als
Hintergrundgeräusche wahrnehmen.
Er hört vermutlich nicht, dass der Mann hinter ihm sein Getränk durch den
Strohhalm schlürft. Und er riecht nicht, dass die Frau zwei Plätze weiter gerade
mit dem Arsch Trompete gespielt hat. Schon gar nicht in einem vollbesetzten
Kino, in dem es nach Popcorn, Schweiß und Chanel No. 5 stinkt.
Ein normaler Kinobesucher bemerkt nicht, dass sich die Frau drei Reihen vor ihm
seit zehn Minuten Käsesauce von der Hose kratzt, während ihre Begleitung mit
der Handytaschenlampe dafür sorgt, dass sie nichts übersieht. Ich schon.
Und da ja ohnehin noch Werbung läuft, verbuche ich all diese Eindrücke nicht
nur als kurzweiliges Vergnügen, sondern sorge außerdem dafür, dass sich in
meinem eigenen Kino direkt erste Ideen entwickeln, was ich mit diesen
Beobachtungen alles anstellen könnte.
So weit, so gut. Wie gesagt – alles wartet darauf, dass der Film endlich losgeht.
Zehn Minuten später…
Auf der Leinwand ändert sich die Optik. Die Bilder wirken verschwommen und eine
Stimme weist darauf hin, doch jetzt bitte die 3D-Brillen aufzusetzen. Ach ja,
da war ja was.
Hektisch werden letzte Plastikverpackungen aufgerissen, Gespräche verebben – und
plötzlich friert das Bild auf der Leinwand ein, als habe die Eiskönigin mit der
Hand gewedelt. Wo eben noch ein Trailer für den neuen Statham lief, sieht es
nun so aus, als hätte jemand versucht, ein Gemälde mit Aceton zu reinigen.
Gar kein schlechtes Motiv für einen Desktop-Hintergrund, schießt mir kurz durch den Kopf.
Hinter mir vermutet jemand – zugegeben nicht ganz ernst gemeint
– das Kino habe die Stromrechnung nicht bezahlt oder der Projektor das
Zeitliche gesegnet.
Die Frau neben mir lacht, dies sei mit Abstand der schlechteste Film, den sie
je gesehen habe.
Vor uns wird immer noch die Käsesauce aus der Hose operiert.
Schließlich geht das Licht wieder an. Ein Kinomitarbeiter
erscheint vor der Leinwand und entschuldigt sich wortreich für die
Unterbrechung. Man habe beschlossen, den Film an dieser Stelle zu unterbrechen,
da noch nicht alle Besucher im Saal angekommen seien und man sicherstellen wolle,
dass auch diese Mitmenschen den kompletten Film sehen könnten.
Film? Welchen Film? Da lief doch gerade noch Werbung…
Na gut. Kann ja nicht lange dauern.
„Die nachfolgenden Sendungen verschieben sich um ca. zehn
Minuten“ murmele ich – zugegebenermaßen nicht ganz leise.
Die Frau hinter mir kichert etwas hysterisch, dass sie derartige Verspätungen bisher
nur von der Deutschen Bahn kannte.
Direkt vor mir beginnt ein Mann damit, Tiktok-Videos zu schauen. Auch ne
Möglichkeit, sich die Zeit zu vertreiben.
Ich beobachte gespannt die zu erwartende Flut an Neuankömmlingen, die sich
durch die vollbesetzten Reihen bis zu ihrem Platz durchkämpfen. Dass der Platz
zwischen mir und der Trompete spielenden Dame rechts von mir dennoch frei
blieb, muss Zufall gewesen sein.
Zehn weitere Minuten vergehen. Fünfzehn. Schließlich
zwanzig. Unruhe macht sich langsam breit. Die ersten Besucher, die sogar bereits
im Saal saßen, als wir unsere Plätze eingenommen hatten, stehen wieder auf und verschwinden.
Wohin? 🤷♀️Pipibox?
Popcorn nachkaufen? Auswandern? Man weiß es nicht. Kurz denke ich darüber nach,
ob ich noch eine rauchen gehen kann, da steht fünf Reihen vor uns plötzlich ein
junger Mann auf, um sich lautstark über die Lautstärke aufzuregen.
„Der hatte wenigstens Eier in der Hose“, stellt die Teenie-Tochter später auf
der Rückfahrt im Auto fest.
"Könnt ihr jetzt nicht alle mal leise sein?", ruft er durchs Kino.
"Euer Gequatsche geht mir voll auf die Nerven. Ich will den Film sehen. In
Ruhe."
Film? Welchen Film? Ich sehe immer noch keinen Film. Nur nach wie vor das
verunglückte DaVinci Gemälde.
Tumult breitet sich aus. Ich greife gespannt in meine Nachos und frage mich, ob
man sich da vorne gleich noch prügelt. Kurz sieht es danach aus, doch dann
setzt sich der Mann wieder hin.
Ich beginne zu kichern. Die ganze Situation ist so herrlich absurd, dass ich irgendwie darauf warte, Kurt Felix gleich auf der Leinwand zu sehen. „Verstehen Sie Spaß?!“
Inzwischen kommen auch keine Besucher mehr in den Saal, trotzdem
wartet das ganze Kino immer noch darauf, dass der Film jetzt losgeht. Immerhin
sind 30 Minuten vergangen.
"Sind dann jetzt mal alle da?", rufe ich klar und deutlich in die
Menge.
Meine Tochter versinkt vor Scham noch ein Stück weiter in ihren Sitz.
"Boah Mama. Ich geh nie wieder mit dir ins Kino!"
"Was denn? Ist doch eine berechtigte Frage", sage ich verwundert.
Außerdem war das Licht aus, was den Göttergatten später dazu veranlasst zu
behaupten, ich hätte die Frage auch nur gestellt, weil mich niemand sehen
konnte. Irrtum, mein Schatz.
Mit einer Verspätung von nur 33 Minuten - davon kann sich die Bahn übrigens eine dicke Scheibe abschneiden - dürfen wir dann endlich dabei zusehen, wie Tom Holland aka Peter Parker in bester Spiderman-Manier auf der Leinwand seine Spinnennetze verschießt.
Und wer sich fragt, ob der Film sehenswert ist... Auf jeden Fall. Nur vielleicht nicht unbedingt zwei Tage nach Kinostart. Es sei denn, man steht auf Verzögerung, diverse Körperausdünstungen und verschüttete Käsesauce.