Montagmorgen, kurz nach halb 7. Vielleicht war es mein
sechster Sinn, der mir heute Morgen auf dem Weg zur Arbeit eingeflüstert hat,
dass ich eigentlich schon wieder Urlaub gebrauchen könnte. Dem
Pflichtbewusstsein sei Dank fahre ich dann aber trotzdem ins Büro, obwohl mein
Auto sicher auch problemlos den Weg ans Meer gefunden hätte.
Hätte ich dem Wunsch mal nachgegeben.
Stattdessen quäle ich mich durch den Berufsverkehr und finde mich eine halbe Stunde nach der Abfahrt an meinem Schreibtisch wieder. Während der Kollege, der mir normalerweise gegenübersitzt, vermutlich noch den Schlaf der Gerechten schläft. Im Gegensatz zu mir hat Kermit nämlich Urlaub – und das unverschämterweise sogar schon seit einer Woche.
Während mein Computer hochfährt, reiße ich die Fenster auf,
die letzten Blätter von meinem mehr oder weniger geistreichend
Bürosprüche-Kalender und organisiere mir den ersten Kaffee des Tages.
Inzwischen hat auch der Computer seinen Dienst aufgenommen, die wichtigsten
Programme automatisch gestartet und wartet frech grinsend darauf, dass ich mich
im Browser in den Schwung Clouds einlogge, die HORST für die Arbeit benötigt.
Frech grinsend deshalb, weil mein Computer ein kleiner Sadist ist, der seine
regelmäßigen Updates, von denen es jede Woche mindestens fünf gibt,
grundsätzlich immer erst dann startet, wenn man sich überall eingeloggt hat.
Single-Sign-On wäre schön. Oder zumindest eine Möglichkeit, dem Gerät
regelmäßig auf die Finger zu klopfen, wenn es mal wieder ausgerechnet dann
genau den Browser updaten will, den man gerade in Verwendung hat.
Kaum überraschend also, dass man das Gerät jeden Morgen zunächst mal mit einem
misstrauischen Blick begutachtet und hoffnungsvoll darauf wartet, es möge sein
Update bitte machen, bevor man anfängt zu arbeiten. Also macht man erstmal
Dinge, für die man den Computer bestenfalls nicht braucht. Mit Kollegen
telefonieren, den Kaffeebecher über den Flur tragen, Zigarettenpause,
Dönneckes. Im besten Fall hat das Update bei der Rückkehr bereits stattgefunden
– oder es gibt ausnahmsweise mal keines.
Heute Morgen war allerdings irgendetwas anders. Was Neues. Etwas, das mich quasi sofort daran erinnerte, dass mein Auto ja eigentlich ans Meer gewollt hatte.
7:21 Uhr
Nachdem ich eine halbe Stunde mit Beaker telefoniert hatte, um ihr zum
Geburtstag zu gratulieren, beschließe ich, dass der Computer jetzt lange genug
Zeit hatte, um sich zu entscheiden, ob er nun updaten will oder nicht.
Todesmutig öffne ich also den Browser und beginne, meine Zugangsdaten in die
Login-Masken der Clouds einzutragen.
„Kennung oder Kennwort falsch“, meckert das Programm.
Hä? Wie jetzt? Freitag ging’s doch noch. Bin ich gehackt worden? Ach nee, wir sind ja ein Hochleistungsrechenzentrum. Hat sich mein Passwort selbst zerstört? Oder Windows beschlossen, es heimlich zurückzusetzen?
„Ich hätte doch ans Meer fahren soll“, schießt mir durch den Kopf, während ich zum Telefonhörer greife und Rowlf anrufe.
„Kommst du bei Loga rein?“, frage ich ohne Begrüßung.
„So weit bin ich noch nicht. Das Programm startet noch.“
Einen Augenblick später die Erkenntnis: Loga mag heute Morgen nur mich nicht. Bei allen anderen geht’s. Wie war das doch gleich noch mit dem Meer?
Erneut greife ich zum Hörer – und rufe die Schlümpfe an. Genauer gesagt, den Pförtnerschlumpf – das ist der, der die Zugänge kontrolliert.
Um nicht sofort mit der Tür ins Haus zu fallen, gratuliere ich ihm schnell noch nachträglich zum Geburtstag und erfahre so, dass er am Wochenende denselben Kinofilm geguckt hat wie ich. Nur in einem anderen Kino – und ohne versteckte Kamera.
„Loga hält mir die Tür zu“, beschwere ich mich bei ihm und ‚drohe‘ mit Arbeitsverweigerung.
Der Pförtnerschlumpf lacht. „Sag das nicht mir, sag das Waldorf. War nämlich ihr Fehler.“
„Wieso?“
„Du bist nicht entfristet worden.“
„Oh, wie schön. Dann kann ich ja jetzt nach Hause gehen.“
Dummerweise war mein Verantwortungsbewusstsein auch heute wieder schneller als
mein Fluchtinstinkt.
„Wohl eher nicht. Ich mach mal schnell…“ Ich höre Pförtni tippen. „So, jetzt kannste wieder.“
„Schade. Ich hab‘ mich bereits ans Meer fahren sehen.“
„Tut mir leid.“
„Aber nicht weh“, sage ich und lege auf.
Also bleibe ich. Schließlich muss ich ja noch die Arbeit erledigen, für die ich
laut Computersystem gar nicht mehr zuständig bin.
Ob ich Waldorf schnell noch das böse F-Wort entgegenschmettere? F wie Fehler? Hm, besser nicht. Heute ist Montag. Und Kermit ist nicht da. Böse Kombination. Ganz böse.